{"id":340,"date":"2013-09-16T10:52:32","date_gmt":"2013-09-16T08:52:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jugend-bewegt-europa.de\/cms2\/?page_id=340"},"modified":"2013-09-16T10:52:32","modified_gmt":"2013-09-16T08:52:32","slug":"reisetagebuch","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.jugend-bewegt-europa.de\/cms2\/projekte\/2003-2\/referendum-03\/reisetagebuch\/","title":{"rendered":"Reisetagebuch"},"content":{"rendered":"<h1>Reisetagebuch<\/h1>\n<h2>Mittwoch, 04. Juni; Der erste Tag: Ankunft, Universit\u00e4tsbibliothek, Integrations- und Kennenlernparty<\/h2>\n<p>Voller Tatendrang und Motivation traf sich die Gruppe morgens um 6:30 Uhr im Warszawa-Express. Nach anf\u00e4nglichen Platzproblemen im Zug, durch eine teilweise Doppelbelegung der Bahn verursacht, hatten doch sp\u00e4testens in Frankfurt\/Oder alle Teilnehmer einen Platz gefunden. Die sechsst\u00fcndige Bahnfahrt bot die ideale M\u00f6glichkeit f\u00fcr ein intensiveres Kennenlernen und f\u00fcr erste Lektionen der polnischen Sprache. Am Warschauer Hauptbahnhof wurden wir von den polnischen Teilnehmern der Gruppe erwartet.<\/p>\n<p>Nach einem kurzen Zwischenstopp im Hotel machten wir uns auf zum ersten Termin: der Besichtigung der Warschauer Universit\u00e4tsbibliothek. Die au\u00dfergew\u00f6hnliche Architektur dieser Bibliothek versetzte uns deutsche Studenten in gro\u00dfes Staunen und Bewunderung. Das recht komplexe Geb\u00e4ude beherbergt im ersten und zweiten Geschoss die Bibliothek, auf der Hinterseite schlie\u00dfen sich gro\u00dfe Parkfl\u00e4chen an. Am meisten hat uns der Rundgang durch den botanischen Dachgarten, \u00fcber den D\u00e4chern von Warschau, beeindruckt.<\/p>\n<p>Nach diesem Spaziergang trafen wir uns im Kellergeschoss des Hauses, wo sich neben Gesch\u00e4ften auch eine Bowlingbahn befand, zur &#8222;Integrations- und Kennenlernparty&#8220;. Bei einem ersten deutsch-polnischen Abendessen st\u00e4rkten wir uns f\u00fcr das anschlie\u00dfende Bowling-Turnier. Mit Sport und Spa\u00df erlebten wir gemeinsam den ersten von vielen sch\u00f6nen Abenden, die reichlich Platz f\u00fcr interessante Gespr\u00e4che boten.<\/p>\n<p>Nach dem Bowling-Turnier, bei dem es nur Gewinner gab, setzten wir uns noch auf ein Bier in ein Biergarten-Schiff am Ufer der Wisla. Schnell entwickelten sich tiefe und ernste Gespr\u00e4che in der Gruppe. Wir h\u00f6rten u.a. von den polnischen Studenten, dass die Polen zum Teil heute noch Angst davor haben, dass die Deutschen Breslau und Danzig f\u00fcr deutsch halten und Anspr\u00fcche auf diese Gebiete erheben k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Die polnischen Studenten interessierten sich daf\u00fcr, was wir Deutschen \u00fcber Auschwitz denken und was die deutsche &#8222;Erinnerungskultur&#8220; ist: &#8222;Warum machen die Deutschen das, warum k\u00f6nnen sie nicht vergessen?&#8220; Eine sehr pr\u00e4gnante und klare deutsche Antwort lautete: &#8222;Es war so schlimm, dass wir uns heute noch verantwortlich f\u00fchlen und Verantwortung \u00fcbernehmen wollen.&#8220; Eine polnische Teilnehmerin machte ein Dilemma in diesem Kontext deutlich: das unterschiedliche Empfinden der Generationen. W\u00e4hrend die heutige Generation sich fragt: &#8222;Warum waren wir Polen damals so schwach?&#8220; rechtfertigt sich die \u00c4lteren, indem sie beteuern: &#8222;Wir waren die Opfer \u00fcberm\u00e4chtiger Gegner.&#8220; In der Diskussion \u00fcber die Wahrnehmung der Polen in Deutschland und umgekehrt wurden Unterschiede in der Verarbeitung der Geschichte in Polen und Deutschland deutlich, z.B. sprechen die Polen \u00fcber viele Themen nicht \u00f6ffentlich. Auf beiden Seiten zeigte sich, wie verbreitet offenbar Vorurteile und Stereotypen heute noch sind, wie tief diese im Bewusstsein und Alltag der Menschen verwurzelt zu sein scheinen.<\/p>\n<h2>Donnerstag, 05. Juni, 13h, Goethe-Institut im Kulturpalast;Gespr\u00e4ch mit Dr. Herbert Quelle, Wirtschaftsattach\u00e9 der Deutschen Botschaft in Warschau<\/h2>\n<p>In seinem Vortrag stellte der Wirtschaftsattach\u00e9s der deutschen Botschaft in Polen, Dr. Herbert Quelle, die deutsch-polnischen Wirtschaftsbeziehungen dar. Dabei machte er deutlich, dass es f\u00fcr Polen wirtschaftlich keine andere Alternative zum Beitritt zur EU gibt. Zwar hatte Polen in den fr\u00fchen 90er Jahren ein hohes Wirtschaftswachstum zu verzeichnen, dieses ist aber im laufenden Jahr auf 2,5% gesunken. Ohne den EU-Beitritt w\u00fcrde sich diese Talfahrt noch weiter fortsetzen. Es sind jedoch noch gro\u00dfe Anstrengungen n\u00f6tig, um das wirtschaftliche Niveau der EU-Mitgliedstaaten zu erreichen. Dr. Quelle machte deutlich, dass zur Verwirklichung dieses Ziels das Wirtschaftswachstum in den n\u00e4chsten 25 Jahren stabil 5% betragen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Das gr\u00f6\u00dfte momentane Problem der polnischen Wirtschaft sah der Wirtschaftsattach\u00e9 in der sehr hohen Arbeitslosigkeit: Momentan liegt diese bei 19%! Die Gr\u00fcnde f\u00fcr diese hohe Zahl sind vielf\u00e4ltig. Zum Einen dr\u00e4ngt die Generation der &#8222;Baby-Boomer&#8220; verst\u00e4rkt auf den Arbeitsmarkt. Diesem erh\u00f6hten Arbeitskr\u00e4fteangebot steht eine geringere Nachfrage gegen\u00fcber, insbesondere in den &#8222;traditionellen&#8220; Sektoren, wie etwa der polnischen Stahlindustrie. Zum Anderen ist der polnische Arbeitsmarkt, wie jeder andere europ\u00e4ische Arbeitsmarkt, von den wirtschaftlichen Folgen der Globalisierung getroffen, was zu erheblichem &#8222;downsizing&#8220; und Standortverschiebungen polnischer Unternehmen f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Positiv und als erfolgreich bewertete Dr. Quelle hingegen die Privatisierung der Industrie insgesamt. Nicht nur die sinkende Zahl von Betrieben in staatlicher Hand, sondern auch die Wettbewerbsf\u00e4higkeit polnischer Unternehmen lassen ihn davon ausgehen, dass die polnische Wirtschaft in der Lage ist, sich auf dem gemeinsamen EU-Binnenmarkt zu behaupten.<\/p>\n<p>Eine besondere Bedeutung kommt seiner Meinung nach den wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Polen und Deutschland zu. Einerseits stellt Polen, neben der Tschechischen Republik, das Hauptimportland f\u00fcr deutsche Waren und G\u00fcter dar, auf der anderen Seite wickelt unser \u00f6stlicher Nachbar auch ein Drittel seines Au\u00dfenhandels mit Deutschland ab. Dr. Quelle sch\u00e4tzte, dass sich rund 6000 deutsche Firmen in Polen niedergelassen haben. Damit ist Deutschland der gr\u00f6\u00dfte ausl\u00e4ndische Direktinvestor, wenn man die Anzahl der engagierten Firmen betrachtet.<\/p>\n<p>Im Hinblick auf das Referendum \u00e4u\u00dferte sich Dr. Quelle auch zu den Bedenken auf polnischer Seite, besonders in Bezug auf die reformbed\u00fcrftige Landwirtschaft. Dabei hielt er es f\u00fcr vermessen, von Polen als von einem auf Landwirtschaft basierenden Staat zu denken. Als Beleg daf\u00fcr gab er an, dass lediglich 5% der Bev\u00f6lkerung ihr Haupteinkommen aus der Landwirtschaft beziehen. Dar\u00fcber hinaus sind nicht mehr als 16% der Bev\u00f6lkerung in landwirtschaftlichen Betrieben besch\u00e4ftigt. Die dringend ben\u00f6tigte Strukturreform des Agrarsektors hielt Dr. Quelle nur mit Hilfe der EU f\u00fcr durchf\u00fchrbar, andere Alternativen sah er nicht.<\/p>\n<h2>Freitag, 06. Juni, 10h-19h, private Wirtschaftshochschule Warschau; Planspiel &#8222;Europa neu gestalten&#8220; des &#8222;Centrums f\u00fcr angewandte Politikwissenschaft&#8220; der Universit\u00e4t M\u00fcnchen<\/h2>\n<p>In der Diskussion \u00fcber den Erweiterungsprozess der Europ\u00e4ischen Union muss zum Verst\u00e4ndnis der Probleme der Blick auch auf die Institutionen der EU selbst gerichtet werden. Da das Zusammenspiel der verschiedenen Entscheidungsebenen in der EU recht komplex ist und die Vermittlung von Wissen zu diesem Thema recht erm\u00fcdend sein kann, suchten die Organisatoren nach einer M\u00f6glichkeit, Wissensl\u00fccken auf spannende und zugleich lehrreiche Art und Weise zu schlie\u00dfen. Das Planspiel &#8222;Europa neu gestalten&#8220; schien uns hierf\u00fcr gut geeignet.<\/p>\n<p>Es nahmen 23 Personen an dem Planspiel teil, wobei die einzelnen Gremien wie folgt besetzt waren:<\/p>\n<ul>\n<li>6 Abgeordnete im Parlament: je 2 Abgeordnete von CDU, New Labour, \u00d6sterreichische Gr\u00fcne<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>8 Mitglieder des Europ\u00e4ischen Rates: je 1 Vertreter aus D\u00e4nemark, Deutschland, Frankreich, Spanien, Italien, Gro\u00dfbritannien, Griechenland, \u00d6sterreich<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>4 Beitrittskandidaten: je 1 Abgesandter aus Polen, Zypern, der T\u00fcrkei, Ungarn<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>2 Medienvertreter<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>2 Kommissionsmitglieder<\/li>\n<\/ul>\n<ul>\n<li>2 Personen als Spielleitung<\/li>\n<\/ul>\n<p>Entscheidungshilfen f\u00fcr die Teilnehmer boten Datens\u00e4tze, Statistiken und allgemeine Informationen zu den Institutionen der EU. Daneben wurde jedem Spieler ein Rollenprofil, das spezifische strategische Anweisungen enthielt, zugewiesen.<br \/>\nDa das Ziel eines Planspiels darin besteht, selbst in die Rolle einer Institution zu schl\u00fcpfen und sich in dieser Rolle nach der jeweiligen pers\u00f6nlichen Problemwahrnehmung und dem Verm\u00f6gen zu entwickeln, weicht das Spielergebnis immer auch ein wenig von der Wirklichkeit ab. Nachfolgend sollen die Ergebnisse der Abschlussdiskussion pr\u00e4sentiert werden.<br \/>\nEs wurde lediglich der sofortige Beitritt von Ungarn und Zypern bef\u00fcrwortet. Polen und die T\u00fcrkei wurden auf einen sp\u00e4teren Zeitpunkt vertr\u00f6stet. Begr\u00fcndet wurde diese Entscheidung von den Teilnehmern mit der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung dieser beiden L\u00e4nder. F\u00fcr die T\u00fcrkei wurde zudem als Argument f\u00fcr eine Ablehnung vorgebracht, dass die Menschenrechtspolitik nicht konform zur Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention sei.<\/p>\n<p>Die Brisanz des Spielergebnisses liegt nat\u00fcrlich darin, dass Polen die Aufnahme in die EU zum angestrebtem Zeitpunkt 2004 verweigert wurde. In der Betrachtung der Ursachen dieser Entscheidung zeigte sich, dass der Vertreter Polens (ein dt. Teilnehmer) wenig \u00dcberzeugskraft besa\u00df, das legitime Interesse Polens an einer EU-Mitgliedschaft im Ministerrat zu vertreten. Zudem gelang es einigen Ministerratsmitgliedern, die Verhandlungsposition Deutschlands und \u00d6sterreichs zu schw\u00e4chen. Somit konnten sich diese beiden F\u00fcrsprecher eines raschen polnischen Beitritts nicht durchsetzen. Erschwert wurden die Verhandlungen durch die Parallelit\u00e4t verschiedener Sprachen. Da man sich vor dem Planspiel auf die gemeinsame Sprache Deutsch geeinigt hatte, fiel es manchen polnischen Teilnehmern schwer, ihrer Argumentation gen\u00fcgend Gewicht beizumessen &#8211; auch weil h\u00e4ufig die dazu n\u00f6tigen Vokabeln fehlten. Dieses Spielergebnis sorgte f\u00fcr Verwunderung und wurde von einigen der polnischen Studenten sogar mit Missverst\u00e4ndnis aufgenommen. Gleichwohl r\u00e4umte die polnische Seite ein, dass allein auf der Grundlage der wirtschaftlichen Entwicklung diese Entscheidung folgerichtig erscheint &#8211; allerdings nur, wenn man die EU lediglich als Wirtschaftsgemeinschaft begreift. Da aber die Europ\u00e4ische Union mehr ist als nur ein Zusammenschluss wirtschaftlich leistungsf\u00e4higer Staaten, wurde an der Entscheidung des Ministerrates kritisiert, dass sie zu wenig auf die politische Signalwirkung der Entscheidung nach Au\u00dfen geachtet wurde, geostrategische Faktoren nicht ausreichend in Erw\u00e4gung gezogen wurden und das wirtschaftliche Entwicklungspotenzial von 40 Millionen Konsumenten ungen\u00fcgend gewichtet wurde. Einhellig wurde von den Vertretern der Beitrittskandidaten festgestellt, dass sie ihre Position wie eine Bittstellerrolle empfanden. Zudem beschrieben sie ihr Verh\u00e4ltnis untereinander als von starker Konkurrenz gepr\u00e4gt. In der Auswertung stellten sie fest, dass die M\u00f6glichkeit sich mit den anderen Beitrittsstaaten abzustimmen und in wichtigen Fragen gemeinsame Positionen zu entwickeln, zu wenig genutzt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Die Vertreter des Europ\u00e4ischen Parlamentes beklagten vor allem die mangelnde Einbindung in den Diskussionsprozess im Ministerrat sowie den fehlenden Einfluss auf wichtige Entscheidungen. Die Pressevertreter stellten bei der Abschlussdiskussion fest, dass sie einen gro\u00dfen Gestaltungsspielraum hinsichtlich der Herstellung von Transparenz und als Mittler zwischen den Institutionen untereinander und der \u00d6ffentlichkeit hatten. Insbesondere f\u00fcr das Parlament lieferten sie entscheidungsrelevante Informationen und gaben Einblicke in den Diskussionsfortschritt im Ministerrat. Der Weg der Wissensvermittlung durch ein Planspiel fand unter den Teilnehmern gro\u00dfen Anklang. Von polnischer Seite wurde der Wunsch ge\u00e4u\u00dfert, selbst ein Planspiel in naher Zukunft zu organisieren. Kritisiert wurde hingegen, dass zu wenig Zeit und Raum f\u00fcr die volle Entwicklung der jeweiligen Rolle zur Verf\u00fcgung stand. Viele Teilnehmer w\u00fcnschten sich eine l\u00e4ngere Einarbeitungsphase sowie mehr Material mit tiefergehenden Informationen. Hinsichtlich der gemeinsamen Sprache wurde die Bitte ge\u00e4u\u00dfert, vorher wichtige politische Vokabeln, die sich f\u00fcr die Diskussion als notwendig erweisen, zur Verf\u00fcgung zu stellen.<\/p>\n<h2><span>Samstag, 07. Juni, 10h30; F\u00fchrung durch die Altstadt<\/span><\/h2>\n<p>Den Auftakt zu unserer F\u00fchrung durch die Warschauer Altstadt, die eine polnische Teilnehmerin durchf\u00fchrte, bildete die Besichtigung des K\u00f6nigsschlosses, eines der bedeutendsten Symbole des polnischen Staates. In vielen dort ausgestellten Gem\u00e4lden und Kunstobjekten ist die Geschichte Polens und Warschaus anschaulich nachzuvollziehen. Eine kleine Gruppe von Musikern, die in einem der S\u00e4le des Schlosses klassische St\u00fccke spielte, vertiefte den Eindruck vom Eintauchen in die Geschichte, der uns w\u00e4hrend der gesamten F\u00fchrung begleitete.<\/p>\n<p>Auf dem Platz vor dem Schloss fand ein Festival statt. Die auftretenden K\u00fcnstler und Musiker zogen uns f\u00fcr einige Zeit in ihren Bann, bevor wir zu einem Rundgang durch die Altstadt aufbrachen.<\/p>\n<p>Das historische Zentrum wie auch das Schloss von Warschau wurde w\u00e4hrend des zweiten Weltkriegs von den deutschen Truppen zerst\u00f6rt. Nach dem Krieg wurde die Warschauer Altstadt komplett wieder aufgebaut &#8211; so originalgetreu wie m\u00f6glich. Im Zentrum der Altstadt befindet sich der mittelalterliche Marktplatz, der mit rekonstruierten Patrizierh\u00e4usern im Stil der Renaissance und des Barock umgeben ist. S\u00fcdlich des Marktplatzes stehen die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer aus dem 14. und 15. Jahrhundert. Heute ist das historische Zentrum von Warschau die j\u00fcngste Altstadt Europas. Die UNESCO erkl\u00e4rte die rekonstruierten historischen Bauten der Altstadt zum Weltkulturerbe der Menschheit. Den Abschluss des Altstadtrundgangs bildete ein Besuch bei Warschaus bester Eisdiele. Die leckere Abk\u00fchlung war ein sch\u00f6ner Abschluss f\u00fcr einen interessanten, wissenserweiternden Spaziergang.<\/p>\n<h2>Samstag, 07. Juni, 20h, Wiese an der Altstadtmauer; Gespr\u00e4ch mit Steffen M\u00f6ller, Kabarettist<\/h2>\n<p>Einige Wochen vor der Reise nach Warschau waren in der Johannes B. Kerner-Show drei G\u00e4ste eingeladen. Zumindest der Erste, Musikproduzent Ralph Siegel, ist dem deutschen Publikum wohl bekannt. Bevor dann aber der etwas weniger prominente &#8222;Privatsekret\u00e4r&#8220; von Schlagergr\u00f6\u00dfe Rex Gildo Platz nehmen durfte, gesellte sich Steffen M\u00f6ller zu der Runde. Der Kabarettist, der in der deutschen Fernsehlandschaft bisher nur durch einen Auftritt in der Harald-Schmidt-Show in Erscheinung getreten war, war dem kompetenten Zuschauer bis dato nur vage bekannt.<\/p>\n<p>Umso erfreulicher war es, Steffen M\u00f6ller pers\u00f6nlich vor den Kulissen der Warschauer Altstadt zu begegnen. Er lebt seit acht Jahren in Polen. Der studierte Theologe und Philosoph ist in Polen ein richtiger Star, was man daran sehen konnte, dass unser Gespr\u00e4ch mehrmals durch Autogrammw\u00fcnsche von Passanten unterbrochen wurde. Vor allem seine Rolle in einer Seifenoper hat zu seinem rasanten Aufstieg in der polnischen Unterhaltungsbranche beigetragen. Er tritt jedoch auch mit einem Kabarettprogramm auf und hat eine eigene Radioshow, in der er EU- relevante Themen anspricht und somit versucht, \u00c4ngste und Vorbehalte abzubauen.<\/p>\n<p>Im Laufe der Unterhaltung wurde aber deutlich, dass sich der, von der F.A.Z. als &#8222;Unterhaltungs-Gastarbeiter&#8220; bezeichnete, geb\u00fcrtige Wuppertaler selbst nicht als Kulturbotschafter Deutschlands oder als Garant deutsch-polnischer Vers\u00f6hnung sieht. Vielmehr basiert sein Erfolg auf genauen Beobachtungen des polnischen Alltags und deren kabarettistischer Aufarbeitung. Er betonte uns gegen\u00fcber, dass Stereotypen, deutsche wie polnische, nicht Hauptinhalt seiner Auftritte sind. Und trotzdem kann er sich diesem &#8222;Schubladendenken&#8220; als Deutscher im Ausland nicht entziehen. Immer wieder st\u00f6\u00dft man auf Vorurteile und Klischees.<\/p>\n<h2>Sonntag, 08. Juni, 20h, Hof des Museums f\u00fcr moderne Kunst; Party der Robert-Schumann-Stiftung<\/h2>\n<p>Am Sonntag Abend war es dann endlich soweit. Die ersten Hochrechnungen lie\u00dfen auf eine h\u00f6here Wahlbeteiligung als am vorherigen Tag, wo sie bei nur rund 17% lagen, hoffen. Unter dieser Pr\u00e4misse fanden wir uns zu einer Referendumsabschluss-Party der Robert-Schumann-Stiftung ein. Diese Stiftung engagiert sich stark f\u00fcr die Verbreitung des europ\u00e4ischen Gedankens in Polen und hat ma\u00dfgeblich an der Kampagne f\u00fcr den EU-Beitritt mitgewirkt.<\/p>\n<p>Eine erste \u00dcberraschung ergab sich f\u00fcr uns schon beim Betreten des Gel\u00e4ndes, wiesen doch die Sicherheitsma\u00dfnahmen auf die Teilnahme prominenter G\u00e4ste hin. Neben dem Staatspr\u00e4sidenten Alexander Kwasniewski und seiner bei den Polen sehr beliebten Gattin Jolanta sollten an diesem Abend auch noch die Europaministerin Donata H\u00fcbner, sowie mehrere hochrangige Personen des \u00f6ffentlichen Lebens und der Schauspielerei auf der B\u00fchne erscheinen.<\/p>\n<p>Nachdem wir uns durch den \u00fcberf\u00fcllten Saal gek\u00e4mpft und Anfeindungen bei der Getr\u00e4nkeausgabe erfolgreich \u00fcberstanden hatten, fiel uns sofort die ausgelassene, nahezu volksfestartige Stimmung auf. Als der Staatspr\u00e4sident ans Mikrofon trat, um eine Rede zu halten, wurde ganz besonders deutlich, welche Bedeutung dieser Tag in der Geschichte Polens hatte. Ernste und ausgelassene Elemente wechselten sich ab in seiner Ansprache: teilweise spornte Kwasniewski die ohnehin schon elektrisierte Menge mit Sprechch\u00f6ren an. Es wurde aber auch eine Schweigeminute f\u00fcr die Opfer des kommunistischen Regimes gehalten und deren symbolische Bedeutung als Wegbereiter f\u00fcr den Eintritt Polens in die EU wurde unterstrichen. Kurz darauf wurde jedoch wieder zum fr\u00f6hlichen Teil der Party \u00fcbergegangen. Besonders beeindruckte auch der Auftritt von Tadeusz Mazowiecki, dem ersten Staatspr\u00e4sidenten nach der Wende 1990, der fast frenetisch vom Publikum gefeiert wurde. Die Stimmung stieg mit jeder Prognose weit \u00fcber die Wahlbeteiligung. Selbst nach Mitternacht wurde noch ausgelassen getanzt.<\/p>\n<h2>Montag, 09. Juni, 10h; F\u00fchrung durch die Ausstellung des J\u00fcdischen Instituts, das Gel\u00e4nde des ehemaligen Warschauer Ghettos und \u00fcber den j\u00fcdischen Friedhof<\/h2>\n<p>Ein \u00f6sterreichischer Freiwilliger, der im Archiv des J\u00fcdischen Instituts arbeitete, erkl\u00e4rte sich bereit, uns durch die Ausstellung des Instituts, das ehemalige j\u00fcdische Ghetto sowie \u00fcber den j\u00fcdischen Friedhof zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Das Geb\u00e4ude des J\u00fcdischen Instituts wurde 1928 erbaut und war bis 1936 eine Synagoge. Heute befindet sich darin eine Ausstellung zum Warschauer Ghetto und ein Archiv zur Aufarbeitung der Geschichte der Juden in Warschau. Vor dem Zweiten Weltkrieg war in der polnischen Hauptstadt die gr\u00f6\u00dfte j\u00fcdische Gemeinde Europas ans\u00e4ssig. Von den 1,3 Mio. Einwohnern Warschaus waren ein Viertel Juden. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen im September 1939 wurde Warschau in einen deutschen, einen polnischen und einen j\u00fcdischen Distrikt aufgeteilt. Im November 1940 wurde das Ghetto auf dem Gebiet des letzteren Teils eingerichtet. Auf engstem Raum waren hier zeitweilig 400.000 Menschen eingepfercht, bevor sie zur Ermordung in die Konzentrationslager verschickt wurden.<\/p>\n<p>Die Ausstellung dokumentiert in eindrucksvollen Fotos, Originalplakaten und einem Dokumentarfilm das Leben im Ghetto, dass durch Hunger, Krankheit und Tod gekennzeichnet war. Da Warschau im Zweiten Weltkrieg v\u00f6llig zerst\u00f6rt wurde, blieben auch vom Ghetto nur ein paar Mauerreste. Zwischen Wohnbl\u00f6cken sozialistischer Pr\u00e4gung f\u00fchrt durch das Gebiet heute ein Gedenkpfad mit Monumenten an einigen herausragenden Orten. Neben dem ber\u00fchmten Denkmal f\u00fcr den Aufstand vom April 1943, an dem Willi Brandt seinen ber\u00fchmten Kniefall machte, gibt es Gedenksteine an der Stelle des Bunkers der F\u00fchrer der Aufst\u00e4ndischen oder am Umschlagplatz, von wo aus die Juden deportiert wurden. Noch recht gut erhalten ist der j\u00fcdische Friedhof, durch dessen Grabinschriften die ehemalige j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung einen Namen bekommt.<\/p>\n<p>Insgesamt erstaunte uns, dass die Ausstellung doch recht klein und nicht sehr umfangreich war, sie bestand nur aus einem Raum, und dass die Denkm\u00e4ler an der Gedenkroute, bis auf das zentrale Monument im sozialistischen Stil, sich unauff\u00e4llig in das Stadtbild f\u00fcgten. Wir sind aus Deutschland eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema gew\u00f6hnt, w\u00e4hrend in Polen eine Aufarbeitung der polnisch-j\u00fcdischen Beziehungen in der Vergangenheit nur z\u00f6gerlich und erst seit kurzem statt findet.<\/p>\n<h2>Montag, 09. Juni, 15h, Restaurant in der Warschauer Innenstadt;Gespr\u00e4ch mit Krzysztof Nowaczek, Direktor des regionalen EU-Informationszentrums Lublin<\/h2>\n<p>Die polnische Regierung hat zur Aufkl\u00e4rung der polnischen B\u00fcrger \u00fcber die EU erhebliche finanzielle Investitionen get\u00e4tigt und unter anderem auch 36 regionale Informationszentren errichtet. Diese sind \u00fcber das ganze Land verteilt und haben vor allem auf lokaler Ebene und in den l\u00e4ndlichen Gegenden Polens die Aufgabe, Vorbehalte und Bef\u00fcrchtungen gegen\u00fcber der EU abzubauen. Die Arbeit dieser Informationszentren basiert haupts\u00e4chlich auf freiwilligem Engagement.<\/p>\n<p>Im Zuge unseres Aufenthaltes in Warschau hatten wir die M\u00f6glichkeit, den Direktor des Informationszentrum in der Region um Lublin, Krzysztof Nowaczek, zu treffen. Er stellte uns die Arbeit des Lubliner B\u00fcros und die Kampagne der polnischen Regierung zur Vorbereitung des Referendums vor. Nach seiner Einsch\u00e4tzung handelte es sich bei dem Referendum um eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte Polens. Zur Veranschaulichung der gegens\u00e4tzlichen Positionen in Bezug auf den EU-Beitritt hatte er Informationsmaterial, sowohl von staatlicher Seite als auch von Parteien, kirchlichen Vereinigungen und zivilgesellschaftlichen Gruppen mitgebracht. Diese Brosch\u00fcren und Flugbl\u00e4tter spiegelten die Emotionen der verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Gruppe in der Frage um einen EU-Beitritt wider.<\/p>\n<p>Die urspr\u00fcngliche Strategie, die das Informationszentrum in Lublin verfolgte, n\u00e4mlich Aufkl\u00e4rung \u00fcber die Institutionen der EU und ihre Funktionen zu leisten, musste schnell wieder revidiert geben. Als besonders problematisch erwies sich das politische Desinteresse und defizit\u00e4re Wissen \u00fcber politische Partizipationsm\u00f6glichkeiten in der Bev\u00f6lkerung. Die Kampagne des Informationszentrums konzentrierte sich daher auf vier Gruppen: Sch\u00fcler, Soldaten, Bauern und Studenten. Insgesamt wurde dabei nach dem folgenden Schema verfahren: Nach einer kurzen Einf\u00fchrung wurde auf die Geschichte der EU eingegangen. Darauf folgten, insbesondere f\u00fcr den landwirtschaftlichen Bereich, Vortr\u00e4ge von &#8222;Spezialisten&#8220;, die insbesondere den Bauern vermitteln sollten, dass eine Reform notwendig und mit Hilfe der EU leichter durchf\u00fchrbar ist. Eines der Hauptziele war, nicht nur materielles Wissen zu vermitteln und konkrete Vorteile f\u00fcr die einzelnen Gruppen aufzuzeigen, sondern die Menschen auch dazu zu bewegen, \u00fcberhaupt zur Abstimmung zu gehen. Dabei wies Nowaczek dem Papst eine wichtige Rolle zu, hatte dieser doch unl\u00e4ngst zur Integration Polens in Europa aufgerufen. Insgesamt waren die Ausf\u00fchrungen des Leiters des Lubliner EU-Informationsb\u00fcros sehr bereichernd und spannend f\u00fcr uns, stellte er doch die Situation in einer der strukturschw\u00e4chsten und EU-skeptischsten Regionen in Polen dar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reisetagebuch Mittwoch, 04. Juni; Der erste Tag: Ankunft, Universit\u00e4tsbibliothek, Integrations- und Kennenlernparty Voller Tatendrang und Motivation traf sich die Gruppe morgens um 6:30 Uhr im Warszawa-Express. Nach anf\u00e4nglichen Platzproblemen im Zug, durch eine teilweise Doppelbelegung der Bahn verursacht, hatten doch sp\u00e4testens in Frankfurt\/Oder alle Teilnehmer einen Platz gefunden. 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