{"id":411,"date":"2013-09-16T12:15:26","date_gmt":"2013-09-16T10:15:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.jugend-bewegt-europa.de\/cms2\/?page_id=411"},"modified":"2013-09-16T12:15:26","modified_gmt":"2013-09-16T10:15:26","slug":"tagebuch-der-ukrainischen-seminarteilnehmer","status":"publish","type":"page","link":"http:\/\/www.jugend-bewegt-europa.de\/cms2\/projekte\/2006-2\/osteuropa-in-bewegung\/tagebuch-der-ukrainischen-seminarteilnehmer\/","title":{"rendered":"Tagebuch der ukrainischen Seminarteilnehmer"},"content":{"rendered":"<h1>Tagebuch der ukrainischen Seminarteilnehmer<\/h1>\n<p>Den ganzen Winter haben wir schon ungeduldig gewartet, bis endlich der M\u00e4rz kommt und wir uns auch visuell kennenlernen und die schon lange Zeit vorher geplante Woche gemeinsam verbringen k\u00f6nnen. Bereits Ende Dezember hatte jeder Teilnehmer seine Bewerbung an die Seminarleiter des Theodor-Heuss-Kollegs eingereicht und freute sp\u00e4testens seit Erhalt des positiven Bescheids auf diese eine Woche.<\/p>\n<p>Einige von uns hatten sich zwar vorher bereits per E-Mail kennengelernt, doch erst in Torun sollten wir uns auch pers\u00f6nlich treffen. Nach einigen kleineren Schwierigkeiten traf jeder Teilnehmer zum vereinbarten Zeitpunkt in der Stadt ein und wir konnten den ersten gemeinsamen Abend in Polen verbringen. So lernten wir uns alle das erste Mal am Abend des 6. M\u00e4rz im gem\u00fctlichen Restaurant &#8222;Ambasada&#8220; kennen, in einer entspannten Atmosph\u00e4re und bei leckerer polnischen K\u00fcche. Sogar der Kellner versuchte sich mit uns in der Seminarsprache zu halten und bediente uns somit zum Kennenlernabend auf Deutsch.<\/p>\n<p>Neben dem Essen und den kleinen Kennenlern-Spielen wurden wir in kleine Gruppen eingeteilt. Jeder einzelne versuchte als Pers\u00f6nlichkeit und Staatsb\u00fcrger seiner Heimat seine Beziehungen zu den beiden anderen L\u00e4ndern vorzustellen. Dabei ging jeder auf Fragen ein, wie: Wer bin ich? Was ist f\u00fcr mich das wichtigste im Leben? Was bedeuten Grenzen f\u00fcr mich? All die Antworten auf diese Fragen waren nat\u00fcrlich sehr unterschiedlich und wurden phantasiereich und humorvoll auf Plakaten skizzenhaft wiedergegeben.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich sind wir alle angenehm m\u00fcde und zugleich zufrieden und gespannt auf die weiteren Seminartage in die Unterkunft zur\u00fcckgekehrt.<\/p>\n<p>Dienstag, 7. M\u00e4rz 2006<\/p>\n<p>Der &#8211; sozusagen &#8211; erste, volle Seminartag begann zun\u00e4chst ganz n\u00fcchtern mit dem Fr\u00fchst\u00fcck von 8 bis 9 Uhr und ging dann in das WUP (Warming up) \u00fcber. Das war dann eher eine \u00dcberraschung f\u00fcr die meisten, denn viele konnten sich vorher nicht vorstellen was dies bedeuten sollte. Diese Art von Morgengymnastik weckte uns jedoch besser, als alles andere. Wir sollten dabei \u00fcber Erlebnisse aus unserer Kindheit berichten, die uns gepr\u00e4gt hatten. Das hat uns nat\u00fcrlich auch dabei geholfen, uns etwas besser n\u00e4her kennenzulernen. Im Anschluss daran f\u00fchrten wir sogenannte &#8222;bewegliche Vertrauungs\u00fcbungen&#8220; durch, damit wir uns sicherer in der uns noch fremden Umgebung f\u00fchlen konnten. Schlie\u00dflich kam eine Diskussion \u00fcber die eigene Identit\u00e4t und unser Nationalbewusstsein. Diese Gespr\u00e4ch war ganz spontan und vereinigte Themen wie: Sitten und Br\u00e4uche, Heimatgef\u00fchl und sogar Fu\u00dfball. Obwohl wir alle unterschiedliche Nationalit\u00e4ten hatten, stellten wir nat\u00fcrlich auch viele Gemeinsamkeiten fest. Doch auch einige Unterschiede zeigten sich: war beispielsweise den Deutschen eher wichtig, als Pers\u00f6nlichkeit anerkannt zu werden, legten die polnischen und ukrainischen Teilnehmer mehr Wert auf das Heimatgef\u00fchl und das Nationalbewusstsein.<\/p>\n<p>Nach dem Mittagessen freuten wir uns \u00fcber die interessante Stadtbesichtigung. Die mittelalterliche Stadt Torun mit den vielen Kirchen und H\u00e4usern im gotischen Stil und auch viele Renaissancegeb\u00e4ude haben uns tief beeindruckt. Einen gro\u00dfen Anteil daran hatte selbstverst\u00e4ndlich die sympathische Stadtf\u00fchrerin Agnieszka. Sie erz\u00e4hlte uns \u00fcber die historischen Tatsachen und \u00fcber das moderne Leben, \u00fcber die Legenden und Geheimnisse den alten Kirchen und Gassen. Wir erfuhren zum Beispiel, was Kopernikus mit Torun zu tun hat und wie viele Studenten an der Kopernikusuniversit\u00e4t studieren. Die Stadt geh\u00f6rt zu den am besten und gut beleuchtetsten St\u00e4dten Europas, so dass uns auch der Nachtbummel sehr begeisterte und inspirierte, obwohl wir dabei ziemlich erfroren waren. Deshalb gingen wir darauf ins Restaurant, wo wir uns bei Tee oder Kaffee und mit den leckeren Spezialit\u00e4ten der Stadt etwas aufw\u00e4rmten. Die Zeit dort nutzten wir f\u00fcr eine Unterhaltung \u00fcber unsere Kulturen und wir sprachen dar\u00fcber, was wir am Nachmittag alles erlebt und gesehen hatten. Ab 20 Uhr begann unser Abendprogramm mit zwei L\u00e4nderpr\u00e4sentationen. Zuerst war Polen an der Reihe und wir machten eine abenteuerliche Reise vom S\u00fcden in den Norden des Landes.<\/p>\n<p>Wir sahen viele Bilder, sch\u00f6ne Ansichtskarten und erfuhren Legenden \u00fcber einige polnische St\u00e4dte. Dies war eine interessante und zugleich unvergessliche Vorstellung des Gastlandes. Die deutsche Gruppe ging einen anderen Weg: sie hatten f\u00fcr die anderen Teilnehmer ein Quiz vorbereitet: Wer wei\u00df m\u00f6glichst viel \u00fcber Deutschland?<\/p>\n<p>Sehr, sehr m\u00fcde aber mit vielen neuen Eindr\u00fccken fielen wir schlie\u00dflich in unsere Betten.<\/p>\n<p>Mittwoch, 8. M\u00e4rz 2006<\/p>\n<p>Der n\u00e4chste Tag war der 8. M\u00e4rz, ein besonderer Tag vor allem f\u00fcr die slawischen Teilnehmerinnen &#8211; es war Frauentag! Doch es ging nicht vorrangig um die Frauen, vielmehr war dieser Seminartag der Begriffsdefinition von &#8222;Migration&#8220; gewidmet. Wir diskutierten beispielsweise welche Vor- und Nachteile die Migration hat. Dabei hatten unsere Seminarleiter auch interessante Vortr\u00e4ge f\u00fcr uns vorbereitet, zu Themen wie das Kreuzwort &#8222;Migration&#8220;, die Push und Pulltheorie, die Arten der Migration und Zahlenbeispiele aus unseren drei L\u00e4ndern. Wir beendeten den Vormittag mit einem Treffen von Michal, einem Vertreter einer NGO. Dabei erfuhren wir sehr viel \u00fcber tschetschenische Fl\u00fcchtlinge in Polen und dar\u00fcber, wie diese vom Staat unterst\u00fctzt werden. Das Gespr\u00e4ch mit ihm, was wir bis zum Mittagessen fortf\u00fchrten, gab uns viele interessante Informationen. Nach dem Essen hatten wir zwei Stunde Pause und einige Teilnehmer schafften es sogar noch das Stadtzentrum zu besichtigen und einzukaufen. Doch sie mussten sich beeilen, denn am Nachmittag wartete eine Amerikanische Debatte auf uns. Dies ist eine interessante Art der Diskussion, die nur einige Minuten dauert und bei der die Pro- und Contra-Argumente so deutlich und kurz wie nur m\u00f6glich zu \u00e4u\u00dfern sind. Sicherlich war dies eine der schwierigsten Aufgaben, weil sie viel Aufmerksamkeit und eine schnelle Reaktion erforderte. Nach der Auswertung wurden wir in zwei Gruppen geteilt, um in Form eines Forumtheaters zwei Theaterst\u00fccke in 30 Minuten auszudenken und dann den anderen vorzuspielen. Die erste Gruppe sollte die Situation vor einer Migration, bzw. bei der Entscheidungsfindung des Auszuwandern darstellen. Die zweite Gruppe sollte zeigen, wie k\u00f6nnte eine Situation nach der Migration aussehen, wie f\u00fchlen sich die Migranten in einem fremden Land und wie verhalten sich die Bewohner dieses Landes ihnen gegen\u00fcber. Alle Teilnehmer zeigten viele kreative Einf\u00e4lle und so hatten beide Gruppen sch\u00f6ne und zugleich bemerkenswerte Theaterst\u00fccke vorbereitet, die mehrere Male vorgespielt wurden. Die Rollen konnten dabei neu besetzt werden, wobei sich dann immer verschiedene L\u00f6sungen der Problemsituation ergaben. Trotz der Problemsituationen gab es dabei nat\u00fcrlich auch viel zu lachen.<\/p>\n<p>Am Abend stand noch die letzte der drei L\u00e4nderpr\u00e4sentationen aus: die Vorstellung der ukrainischen Teilnehmer und ihrer Heimat. F\u00fcr mehrere der anderen Teilnehmer war es nicht das erste Kennenlernen dieses europ\u00e4ischen Landes. Es war eine sehr interessante und spannende Reise durch die St\u00e4dte der Ukraine, mit Informationen \u00fcber Kultur, Geschichte und Gegenwart. Dabei wurde viel Informationsmaterial gezeigt, viel gelacht und vor allem auch gesungen. Diese Volksliederpr\u00e4sentation hat allen sehr viel Spa\u00df bereitet.<\/p>\n<p>Donnerstag, 9. M\u00e4rz 2006<\/p>\n<p>Die morgendliche Gespr\u00e4chsrunde begann mit der Auswertung von dem, was wir am Vortag mit dem Forumtheater erreicht hatten. Wir diskutieren dar\u00fcber, ob es leicht war die jeweilige Rolle auszuleben und wie es sich anf\u00fchlte sich als Ersatzschauspieler in die Situation der urspr\u00fcnglichen Schauspieler zu versetzen. Auch sprachen wir dar\u00fcber, in welchen Umfang Migration vermeidbar ist, oder ob sie einen unvermeidlichen Fakt darstellt. Auf diese Weise haben wir Konflikte, die durch Migration verursacht werden erkannt. Als n\u00e4chsten Schritt versuchten wir den Traum einer perfekten Gesellschaft zu skizzieren. Mit Hilfe von bunten Papierst\u00fccken, Klebstoff, Filzstiften und Plastik bastelten und gestalteten wir alle unsere Tr\u00e4ume auf speziellen Plakaten. Wir wollten darstellen, wie bunt, wundersch\u00f6n und m\u00e4rchenhaft unser Traumland aussehen k\u00f6nnte. Ein Land in dem die Menschen ohne Geld und Gewalt leben k\u00f6nnen, wo an erster Stelle die Menschenrechte stehen, wo alle gesund sind, alle V\u00f6lker den Frieden sch\u00e4tzen und die Liebe zur Natur.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich versuchten wir nach dem Mittagessen uns vorzustellen, wie alle diese Tr\u00e4ume eventuell umsetzbar sind, oder was jeder Einzelne in seiner Umgebung ver\u00e4ndern kann. Wir stellten fest, um diesem Streben gerecht zu werden, sollte ein jeder einzelne zumindest seine Gleichg\u00fcltigkeit besiegen, um f\u00fcr jede noch so kleine Ver\u00e4nderung k\u00e4mpfen zu k\u00f6nnen. Genau dieser wichtige Aspekt war zugleich der letzte Punkt, der mit unserem Seminarthema verbunden war.<\/p>\n<p>Im Anschluss haben wir die Aufgaben zur Weiterf\u00fchrung der Projektarbeit verteilt. So werden einige von uns Anzeigen mit selbst erlebten Gef\u00fchlen in Zeitungen und Zeitschriften ver\u00f6ffentlichen, andere sind f\u00fcr die Auswahl und Aufbereitung der besten Fotos der gesamten Seminarzeit zust\u00e4ndig. Wir, die ukrainische Gruppe (Dima, Jenja und Viki), wollen jeden erlebten Tag in Torun in Form dieses Tagebuchs festhalten und somit die gute Erinnerung an die tolle Zeit niederschreiben. Hier seht ihr das Ergebnis!<\/p>\n<p>Am Abend wartete auf uns eine Abschiedsparty, die wir wirklich sehr gut verbracht haben. Zuerst besuchten wir ein t\u00fcrkisches Restaurant und dann ging es zum tanzen in die Disko. Nach so vielen Eindr\u00fccken und Erlebnissen fiel es allen sehr schwer einzuschlafen, waren wir doch alle mit vielen Gedanken besch\u00e4ftigt. Und dass schlimmste an der Sache war, dass die Zeit so schnell verflogen war, dass unaufhaltsam der leider letzte Seminartag nahte.<\/p>\n<p>Freitag, 10. M\u00e4rz 2006<\/p>\n<p>Ja, die gute Zeit vergeht leider immer wie im Fluge, so auch die Tage in Torun. Uns schien, dass all die erlebnisreichen vier Tage wie ein einziger Tag so schnell verstrichen waren. Doch am Ende lie\u00dfen wir im Rahmen einer Auswertung all die Zeit noch einmal Revue passieren. Wir diskutierten zu den Fragen: Wie war es hier in Torun, was hat uns gefallen und was nicht und was k\u00f6nnen wir an Erfahrungen mit nach Hause nehmen. Schlie\u00dflich waren alle begeistert, bereichert, gl\u00fccklich und einige sogar verliebt. Man kann schon sagen, wir f\u00fchlten uns in diesen Tagen wie eine internationale Familie, aus denen auch echte Freundschaften geworden sind. Sicher werden viele Teilnehmer noch weit dar\u00fcber hinaus Kontakte weiterpflegen und sich auch Besuchen. Entsprechende Einladungen kursierten schon. Diesen weiteren Austausch k\u00f6nnte man auch als Weiterleben dieser neuen internationalen Familie bezeichnen und auch die Erfahrungen die noch kommen werden, werden uns sicher im Nachhinein noch pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Verbunden mit all diesen Emotionen ist sehr gut verst\u00e4ndlich, wie schwer uns schlie\u00dflich der Abschied am letzten Tag gefallen ist. Aber als Schlussbemerkung wollen wir allgemein feststellen: ES WAR EINE SUPER ZEIT UND EINE SEHR GUTE ERFAHRUNG F\u00dcR UNS ALLE!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tagebuch der ukrainischen Seminarteilnehmer Den ganzen Winter haben wir schon ungeduldig gewartet, bis endlich der M\u00e4rz kommt und wir uns auch visuell kennenlernen und die schon lange Zeit vorher geplante Woche gemeinsam verbringen k\u00f6nnen. 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